In dieser fundierten Fachfolge von Retterview dreht sich alles um ein zentrales, potenziell lebensbedrohliches Thema in der Notfallmedizin: den Schock. Samy und Mike beleuchten die verschiedenen Schockformen nicht nur theoretisch, sondern geben auch praxisnahe Einblicke in typische Einsatzsituationen, diagnostische Stolperfallen und therapeutische Konzepte. Ideal für Azubis, NotSan, Praxisanleiter*innen und alle, die ihr Wissen auffrischen möchten.
📌 Was ist ein Schock?
Ein Schock ist ein Zustand, bei dem das Sauerstoffangebot im Verhältnis zum Sauerstoffbedarf der Zellen unzureichend ist. Das führt zu einer gestörten Mikrozirkulation, Sauerstoffunterversorgung von Geweben (Hypoxie), metabolischer Azidose und im weiteren Verlauf zum Multiorganversagen.
Kernaussage: Der Schock ist keine Schutzfunktion – sondern eine lebensbedrohliche Kreislaufkrise.
📊 Überblick: Hauptformen des Schocks
| Schockform | Ursache | Pathophysiologie | Typische Beispiele |
|---|---|---|---|
| Hypovolämischer Schock | Volumenverlust (Blut, Flüssigkeit) | Reduzierter Preload → ↓ Herzzeitvolumen | Blutung, Dehydration, Verbrennung |
| Kardiogener Schock | Pumpversagen des Herzens | ↓ Kontraktilität → ↓ HZV trotz Volumen | Myokardinfarkt, Myokarditis, Klappenvitien |
| Obstruktiver Schock | Mechanische Kreislaufbehinderung | Blutrückfluss oder Auswurf behindert | Spannungspneumothorax, Perikardtamponade, LE |
| Distributiver Schock | Vasodilatation / Umverteilungsstörung | ↓ Gefäßtonus → relativer Volumenmangel | Sepsis, Anaphylaxie, neurogener Schock |
🧠 Gemeinsame Symptome aller Schockformen
- Blässe, kaltschweißige Haut
- Hypotonie (Systole meist < 90 mmHg)
- Tachykardie (>100/min)
- Verwirrtheit, Somnolenz bis Bewusstlosigkeit
- Verlängerte Rekapillarisierungszeit (>2 s)
- Oligurie oder Anurie
- Schwacher, ggf. kaum tastbarer Puls
Merke: Schockindex (HF/Systole) > 1 ist ein Warnzeichen für eine drohende Dekompensation!
📈 Schockstadien und pathophysiologische Prozesse
| Stadium | Merkmale | Klinische Zeichen |
|---|---|---|
| Kompensierter Schock | Sympathikusaktivierung, Zentralisation | Tachykardie, Normotonie, kalte Extremitäten |
| Dekompensierter Schock | Sauerstoffschuld, Azidose, Hypotonie | Hypotonie, Vigilanzstörung, Laktatanstieg |
| Irreversibler Schock | Gewebeuntergang, Multiorganversagen | Keine Reaktion auf Therapie, oft letal |
💉 Therapieprinzipien in der Präklinik
- Volumentherapie – kristalloide/kolloide Lösungen (je nach Ursache)
- Permissive Hypotonie – systolisch ca. 80–90 mmHg bei Trauma
- Katecholamine – z. B. Noradrenalin bei Bedarf zur Druckstabilisierung
- Sauerstoffgabe – meist geboten (nicht immer nur von SpO2 abhängig machen)
- Bein-/Beckenschlinge, Tourniquet – Blutungskontrolle!
- Medikamentöse Ursachenbehandlung (z. B. Adrenalin bei Anaphylaxie)
🩺 Spezielle Aspekte aus der Folge
- Fallbeispiele: Sommerhitze, Roland-Kaiser-Konzert, Verkehrsunfall mit Milzruptur
- Praxisfehler: Schockstadium 2 übersehen, „Nichtstun“ trotz klarer Zeichen
- Diskussion: NotSan-Kompetenzen & Therapieansätze (z. B. Esketamin vs. Volumen)
🎙️ Exkurse & Randthemen (Nebenstränge der Folge):
- Besuch der 112RESCUE-Messe inkl. Medizingeräten & Teddys
- Umgang mit trans- und nicht-binären Patient*innen im Einsatz
- Was tun bei „öffentlicher Sicherheitsgefährdung“ durch Parkverbot?
💬 Fazit:
Schock ist ein lebensgefährlicher Zustand, der präklinisch rasch erkannt und zielgerichtet behandelt werden muss. Nur durch fundiertes Wissen, sicheres Handeln und regelmäßige Reflexion im Team kann Patientensicherheit gewährleistet werden – ganz im Sinne eines modernen und professionellen Rettungsdienstes.
Hört rein in Folge 2.61 – für mehr Verständnis, mehr Handlungssicherheit und ein bisschen mehr Humor trotz ernster Themen.
2 Gedanken zu „Schockformen im Rettungsdienst – Patho, Praxis & Pitfalls“
Hallo ihr lieben,
Erstmal vielen Dank für den Podcast, sehr unterhaltsam und angenehm für meine Fahrten im Auto zur arbeit!
Nur kurz zu mir bevor ihr denkt wer schreibt hier doofe fachliche Kommentare.
Ich bin Facharzt für Anästhesie/Intensivmedizin und Notarzt (BF Köln bzw. Uniklinik Bonn)
Zum Thema kardiogenen Schock bzw. Insbesondere zu eurer Aussage dass beim STEMI immer hochdosiert Sauerstoff gegeben werden sollte wollte ich gerne einmal melden dass das nicht mehr aktuellem Stand der Wissenschaft entspricht.
Die Empfehlungen der Fachgesellschaften sagen mittlerweile klar und deutlich nur ab SpO2<90%
Hintergrund ist die Sauerstofftoxizität der freie radikale im Falle der Reperfusion nach Stenting und es gibt mittlerweile viele Studien die belegen dass die sauerstoffgabe keinen positiven Effekt hat. Aber es gibt Hinweise auf negative Effekte
Zum Nachlesen für euch weil ihr ja auch gerne lernt 😉
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/29912429/
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/26002889/
Beste Grüße und macht weiter so 😉
Hallo Phil,
vielen Dank für deinen super fundierten und sachlich starken Kommentar! Wir haben uns die beiden Studien (DETO2X-AMI und AVOID) angeschaut und du hast völlig recht: Die aktuellen Daten zeigen klar, dass eine routinemäßige Sauerstoffgabe beim STEMI ohne Hypoxie keinen Benefit bringt – im Gegenteil, sie kann durch die vermehrte Bildung freier Radikale im Reperfusionsstadium sogar potenziell schaden.
Das nehmen wir auf jeden Fall mit – sowohl für eine künftige Podcast-Folge, in der wir das Thema Sauerstofftherapie und aktuelle Empfehlungen im akuten Koronarsyndrom noch einmal genauer beleuchten, als auch sicher mal in einem Videoformat.
Vielen Dank für deinen Input und fürs genaue Hinhören – genau solche Rückmeldungen machen unseren Austausch wertvoll! 🙌
Beste Grüße
Samy & Mike