Sepsis – der stille Killer

Sepsis ist eine der häufigsten und gefährlichsten Erkrankungen weltweit. Trotzdem wird sie im Rettungsdienst oft zu spät erkannt. In Deutschland sind jährlich über 230.000 Menschen betroffen, mehr als 85.000 sterben daran. Dabei könnten viele dieser Todesfälle durch frühe Diagnose und schnelles Handeln vermieden werden.

In unserer Podcast-Folge 2.67 sprechen Samy und Mike ausführlich über die Bedeutung der Sepsis für den Rettungsdienst, aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse, Scores zur Risikoeinschätzung und konkrete Maßnahmen in der Präklinik.


Was ist Sepsis? – Definition und Pathophysiologie

Sepsis ist keine einfache Infektion, sondern eine lebensbedrohliche Organfunktionsstörung durch eine fehlgesteuerte Immunreaktion. Bakterien, Viren oder Pilze setzen sogenannte PAMPs (pathogen associated molecular patterns) frei. Diese binden an Rezeptoren, lösen einen Zytokinsturm aus und verursachen eine unkontrollierte Entzündung im gesamten Körper.

Folgen sind:

  • gesteigerte Gefäßdurchlässigkeit
  • Flüssigkeitsverschiebung ins Gewebe
  • Hypotonie bis zum Schock
  • Mikrothromben mit Organschäden
  • Multiorganversagen

Die häufigsten Infektquellen sind Pneumonie, Harnwegsinfekte (Urosepsis), Bauchinfektionen, Haut- und Weichteilinfektionen sowie Katheter-assoziierte Infektionen.


Sepsis erkennen im Rettungsdienst

Die größte Herausforderung ist das frühe Erkennen. Typische Warnzeichen sind Fieber, Tachykardie, erhöhte Atemfrequenz, Verwirrtheit oder eine verlängerte Rekapillarisierungszeit.

qSOFA-Score

Der qSOFA-Score basiert auf drei Kriterien:

  • Atemfrequenz ≥ 22/min
  • systolischer Blutdruck ≤ 100 mmHg
  • veränderte Vigilanz

Er ist einfach, aber ungenau und übersieht frühe Sepsisfälle.

NEWS2-Score

Deutlich zuverlässiger ist der NEWS2-Score (National Early Warning Score 2). Er bewertet Vitalparameter wie Atemfrequenz, Sauerstoffsättigung, Blutdruck, Herzfrequenz, Temperatur und Vigilanz. NEWS2 wird international empfohlen und ermöglicht eine strukturierte Übergabe in der Klinik.

Bildquelle: https://rd-factsheets.de/fs/sepsis/

Gesamtpunktzahl Risikoberwertung klinisch
0 – 4 Low
3 Punkte in einem parameter –> (roter Bereich) Low – Middle
5-7 Middle
> 7 High

Präklinische Therapie – was im RTW möglich ist

Die Behandlungsmöglichkeiten im Rettungsdienst sind begrenzt, können aber entscheidend sein:

  • Sauerstoffgabe auch bei scheinbar normaler Sättigung
  • Volumengabe mit Kristalloiden zur Stabilisierung des Kreislaufs
  • Monitoring: EKG, Blutdruck, SpO₂, GCS
  • Frühe Alarmierung der Zielklinik mit Verdachtsdiagnose „Sepsis“

Die Antibiotikatherapie erfolgt stationär. Studien zeigen: Jede Stunde Verzögerung erhöht die Sterblichkeit deutlich.


Neue Ansätze: Methylenblau bei septischem Schock

Ein aktuelles Diskussionsthema ist der Einsatz von Methylenblau. Es hemmt Stickstoffmonoxid (NO), kann die Vasoplegie verringern und so die Kreislaufsituation stabilisieren. Die Studienlage ist jedoch noch unzureichend. Risiken wie ein mögliches Serotonin-Syndrom oder Störungen bei der SpO₂-Messung machen den Einsatz aktuell zu einem reinen klinischen Therapieversuch – präklinisch hat Methylenblau noch keinen Platz.


Fazit – Sepsis ist ein Notfall

Für den Rettungsdienst gilt: Infektion + Organdysfunktion = Sepsis-Verdacht.
Nur durch frühes Erkennen, konsequentes Handeln und klare Kommunikation mit der Klinik können Leben gerettet werden.

Checkliste für die Praxis:

  • an Sepsis denken
  • Vitalparameter strukturiert erheben (NEWS2 nutzen)
  • O₂, Volumen, Monitoring
  • Zielklinik mit Sepsis-Verdacht vorwarnen

Persönliche Einblicke & Podcast-Inhalte

Neben dem Fachthema Sepsis sprechen wir in dieser Folge auch über persönliche Entwicklungen:

  • Mike wird Bereichspraxisanleiter und gibt Einblicke in seine neue Aufgabe.
  • Samy berichtet über die Herausforderungen rund um den Podcast-Neustart.
  • Wir stellen den Film „Code 3“ vor, der schwarzen Humor und den Rettungsdienst-Alltag auf die Kinoleinwand bringt.

Ein besonderer Dank geht an alle Unterstützer, die unseren Neustart unter retterview.de/neustart möglich gemacht haben. Ohne euch gäbe es diese Folge nicht.

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Die Inhalte dieses Podcasts dienen ausschließlich der allgemeinen Information und stellen keine medizinische Beratung, Diagnose oder Behandlung dar.
Sie ersetzen nicht den Besuch bei einem Arzt, einer Apotheke oder einem Krankenhaus und erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder Aktualität.

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2 Gedanken zu „Sepsis – der stille Killer“

  1. Danke für diese wichtige Folge. Ich hatte eine beginnende Sepsis nach Katzenbiss, welcher erst falsch behandelt wurde in der KV-Anlaufpraxis. Nachts um 3 bin ich mit RTW, großem Besteck und einer Hand, die gefühlt platzte in die Notaufnahme gekommen. Hand fast komplett eröffnet und 4 Tage starke Antibiotika und Sauerstoffbehandlung.

  2. Hallo ihr beiden,

    Ich bin Biochemikerin an einer Uniklinik und bin auch in der Lehre der Biochemie für Medizinstudierende eingebunden. Ich habe eine Anmerkung zur Folge „Sepsis – der stille Killer“.
    Ihr hattet gesagt, dass die Mitochondrien Laktat produzieren, um weiter Energie für die Zelle zu produzieren. Das ist so nicht ganz richtig. Unter anaeroben Bedingungen findet die Energiegewinnung in der Zelle durch die Glykolyse, also dem Zuckerabbau, statt. Dieser Stoffwechselweg befindet sich im Zytosol der Zelle. Das Endprodukt der Glykolyse, das Pyruvat, wird „normalerweise“ dann ins Mitochondrium eingeschleust wo es dann weiter umgesetzt wird. Die Energiegewinnung im Mitochondrium braucht Sauerstoff. Wenn dieser fehlt wird das Pyruvat stattdessen im Zytosol zu Laktat umgesetzt. Dadurch wird zum einen verhindert, dass sich das Pyruvat anhäuft und zum anderen wird ein Stoff regeneriert, der bei der Glykolyse verbraucht wird (NAD+). Dieser Stoff würde „normalerweise“ im Mitochondrium in der Atmungskette regeneriert werden. Dadurch kann die Glykolyse weiter stattfinden und Energie kann in Form von ATP weiter gebildet werden.
    Die anaerobe Energiegewinnung ist nicht per se schädlich, sie findet nämlich auch unter physiologischen Bedingungen statt und zwar im arbeitenden Muskel und in den Erythrozyten. Letztere besitzen nämlich keine Mitochondrien mehr und können Energie nur aus der anaeroben Glykolyse gewinnen. Die Erythrozyten können somit Sauerstoff nicht verwerten, obwohl sie ihn transportieren und sind auf Zucker zur Energiegewinnung angewiesen.
    Das war jetzt eine längere Ausführung und ist für euch wahrscheinlich nicht relevant, ich konnte es aber nicht unkommentiert lassen.
    Vielen Dank für euren tollen Podcast und macht auf jeden Fall weiter so 😊

    LG Lisa

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